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Anhaltende Trauerstörung: Wenn die Trauer nicht leichter wird

Die meisten Trauernden spüren nach einigen Monaten, dass der Schmerz sich verändert: Er kommt seltener, lässt Raum für Alltag und Erinnerungen. Bei manchen bleibt die Trauer jedoch so übermächtig, dass sie das Leben lähmt. Dieser Beitrag erklärt, was eine anhaltende Trauerstörung ist, woran Sie sie erkennen und wo Sie Hilfe finden.

Trauer selbst ist keine Krankheit, und auch eine lange, tiefe Trauer ist meist normal. Die Diagnose ist für eine kleinere Gruppe gedacht, deren Trauer festgefahren ist. Für sie gibt es heute gut untersuchte Behandlungen.

Was eine anhaltende Trauerstörung ist

Die Weltgesundheitsorganisation hat die anhaltende Trauerstörung in die ICD-11 aufgenommen, die seit Januar 2022 international gilt. Gemeint ist eine Trauerreaktion, bei der die Sehnsucht nach dem Verstorbenen oder die ständige gedankliche Beschäftigung mit ihm über ungewöhnlich lange Zeit anhält und von starkem seelischem Schmerz begleitet wird. Dazu können Traurigkeit, Schuldgefühle, Wut, das Gefühl, den Tod nicht wahrhaben zu können, innere Taubheit und die Unfähigkeit gehören, an Begegnungen oder Aktivitäten teilzunehmen.

Für die Diagnose nennt die ICD-11 drei Bedingungen: Die Reaktion hält mindestens sechs Monate nach dem Verlust an, sie geht deutlich über das hinaus, was in der Kultur und im Umfeld der Person als normal gilt, und sie beeinträchtigt das persönliche, familiäre, soziale oder berufliche Leben erheblich.1

Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5-TR kennt die Diagnose ebenfalls, setzt bei Erwachsenen aber mindestens zwölf Monate an, bei Kindern und Jugendlichen sechs Monate.2 Ältere Begriffe wie „komplizierte Trauer“ oder „anhaltende komplexe Trauerstörung“ beschreiben ein ähnliches Bild, sind aber überholt.

In Deutschland wird für die Abrechnung bisher die ältere ICD-10-GM verwendet; die deutsche Fassung der ICD-11 liegt als Testversion vor.3 Für Betroffene ändert das wenig: Eine behandlungsbedürftige Trauer kann diagnostiziert und psychotherapeutisch behandelt werden.

Die neue Diagnose wurde in Fachkreisen auch kritisch diskutiert. Verbände aus Hospizarbeit und Palliativmedizin haben davor gewarnt, normale Trauer zur Krankheit zu erklären. Zugleich sehen sie die Chance, dass Menschen mit festgefahrener Trauer früher erkannt werden und leichter passende Hilfe bekommen.4 Die Diagnose sagt also nichts darüber, wie lange man „richtig“ trauern darf.

Normale Trauer, Depression oder Trauerstörung?

Die Grenzen sind fließend, und eine Selbstdiagnose ist schwierig. Einige Unterschiede helfen aber bei der Einordnung.

Normale Trauer

Auch eine sehr schmerzhafte Trauer verläuft meist in Wellen. Zwischen den schweren Momenten gibt es Stunden, in denen Erinnerungen wärmen, Gespräche guttun oder der Alltag gelingt. Mit der Zeit werden die Wellen seltener und weniger heftig, auch wenn Jahrestage den Schmerz zurückbringen.

Anhaltende Trauerstörung

Hier bleibt der Schmerz über viele Monate gleich stark, als wäre der Tod gerade erst geschehen. Im Mittelpunkt stehen Sehnsucht nach dem Verstorbenen und die Unfähigkeit, den Tod als Wirklichkeit anzunehmen. Betroffene fühlen sich, als sei ein Teil von ihnen mitgestorben, und können sich kaum vorstellen, ohne diesen Menschen weiterzuleben.

Depression

Bei einer Depression sind Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit fast durchgehend da und beziehen sich nicht nur auf den Verlust. Typisch sind Gefühle von Wertlosigkeit und Hoffnungslosigkeit in vielen Lebensbereichen. Eine Depression kann sich aus der Trauer entwickeln und gleichzeitig mit einer anhaltenden Trauerstörung bestehen. Beides gehört in fachliche Hände.

Posttraumatische Belastungsstörung

Wer den Tod unter schrecklichen Umständen erlebt oder den Verstorbenen gefunden hat, kann zusätzlich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Typisch sind sich aufdrängende Bilder und Albträume vom Geschehen, ständige Anspannung und Schreckhaftigkeit. Während bei der Trauerstörung die Sehnsucht nach dem Menschen im Vordergrund steht, ist es hier die Angst und das Wiedererleben der Situation.

Passend dazu Trauerphasen verstehen Welche Reaktionen zu einer normalen Trauer gehören und wie Trauer typischerweise verläuft, erklärt der Beitrag über Trauerphasen.

Warnzeichen, die Sie ernst nehmen sollten

Kein einzelnes Anzeichen beweist eine Trauerstörung. Treffen aber mehrere der folgenden Punkte auch Monate nach dem Tod noch fast täglich zu, sollten Sie das fachlich abklären lassen.

  • Die Sehnsucht nach dem Verstorbenen ist so stark, dass Sie an kaum etwas anderes denken können.
  • Sie können den Tod innerlich nicht glauben oder annehmen.
  • Sie meiden alles, was an den Tod erinnert, oder können sich umgekehrt von nichts trennen, was dem Verstorbenen gehörte.
  • Bitterkeit, Wut oder Schuldgefühle wegen des Todes lassen nicht nach.
  • Sie fühlen sich innerlich wie betäubt oder empfinden das Leben ohne den Verstorbenen als sinnlos.
  • Sie ziehen sich von Freunden und Familie zurück und fühlen sich anhaltend einsam.
  • Arbeit, Haushalt oder die Sorge für Kinder gelingen über lange Zeit nicht mehr.
  • Sie haben den Wunsch, dem Verstorbenen in den Tod zu folgen.

Diese Punkte orientieren sich an den Merkmalen der Diagnosesysteme.2 Der letzte ist ein Alarmzeichen: Bei Todeswünschen holen Sie sich bitte sofort Hilfe, unabhängig davon, wie lange der Verlust zurückliegt.

Achten Sie auch darauf, ob Sie den Schmerz zunehmend mit Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln dämpfen. Das verschafft kurz Erleichterung, verstärkt aber auf Dauer Schlafprobleme und Niedergeschlagenheit und kann in eine Abhängigkeit führen. Auch das ist ein guter Grund, mit einer Ärztin zu sprechen.

Auch Angehörige bemerken die Anzeichen oft zuerst. Wenn Sie sich um einen trauernden Menschen sorgen, sprechen Sie Ihre Beobachtungen behutsam an und bieten Sie an, beim ersten Arzttermin zu begleiten.

Wer besonders gefährdet ist

Eine anhaltende Trauerstörung ist nicht die Regel. Eine internationale Metaanalyse fand sie bei rund jedem zehnten Erwachsenen, der einen nahestehenden Menschen durch einen überwiegend natürlichen Tod verloren hat.5 In einer repräsentativen deutschen Befragung erfüllten 6,7 Prozent der Menschen, die einen nahestehenden Menschen verloren hatten, die damaligen Kriterien.6

Nach einem unerwarteten oder gewaltsamen Tod, etwa durch Unfall, Suizid, Gewalttat oder Katastrophe, ist das Risiko deutlich höher.7 Weitere Umstände, die die Trauer erschweren können:

  • der Tod eines Kindes oder des Partners
  • eine sehr enge oder abhängige Beziehung zum Verstorbenen
  • frühere psychische Erkrankungen, etwa Depressionen oder Angststörungen
  • mehrere Verluste kurz hintereinander
  • wenig Unterstützung im Umfeld oder Trauer, die von anderen nicht anerkannt wird
  • belastende Umstände rund um den Tod, etwa ein Abschied, der nicht möglich war

Diese Faktoren bedeuten nicht, dass jemand zwangsläufig erkrankt. Sie sind aber ein guter Grund, früh Unterstützung anzunehmen, zum Beispiel in einer Trauergruppe oder bei einer Trauerbegleiterin.

Schwer haben es auch Menschen, deren Trauer von anderen kaum gesehen wird, etwa nach einer Fehlgeburt, beim Tod eines früheren Partners, eines engen Freundes oder einer heimlichen Liebe. Wer nicht offen trauern darf, bekommt weniger Trost und Unterstützung. Es hilft, wenigstens einem Menschen von dem Verlust zu erzählen oder eine Gruppe aufzusuchen, in der diese Trauer selbstverständlich ist.

Wo Sie Hilfe bekommen und wie sie aussieht

Erste Anlaufstellen sind Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt und die psychotherapeutische Sprechstunde. Für die Sprechstunde brauchen gesetzlich Versicherte keine Überweisung; die Terminservicestelle unter 116117 vermittelt Termine.8 Dort wird geklärt, ob eine Trauerstörung, eine Depression oder etwas anderes vorliegt.

Die Diagnose stellen approbierte Psychotherapeutinnen oder Ärztinnen, meist im Gespräch und mit Hilfe von Fragebögen. Am besten untersucht sind trauerfokussierte Formen der kognitiven Verhaltenstherapie.9 Sie helfen, die Wirklichkeit des Todes anzunehmen, quälende Gedanken wie Schuldvorwürfe zu prüfen, gemiedene Erinnerungen schrittweise zuzulassen und neue Ziele zu finden. Viele Programme umfassen etwa 12 bis 25 Sitzungen.

Medikamente behandeln die Trauerstörung selbst nicht, können aber bei einer zusätzlichen Depression sinnvoll sein. Darüber entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt. Begleitend helfen vielen Menschen Trauergruppen und Gespräche mit anderen Betroffenen.

Bis zum Behandlungsbeginn können kleine Schritte stabilisieren: ein fester Tagesablauf mit regelmäßigen Mahlzeiten, kurze Wege an der frischen Luft und mindestens ein Mensch, mit dem Sie regelmäßig sprechen. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Trauer, etwa eine halbe Stunde am Tag mit Fotos oder am Grab, und erlauben Sie sich zu anderen Zeiten Ablenkung. Wenn Sie spüren, dass sich Ihr Zustand verschlechtert, warten Sie nicht auf den vereinbarten Termin.

Passend dazu Trauertherapie Welche Therapieformen es gibt und wann die Krankenkasse zahlt, lesen Sie im Beitrag über Trauertherapie.

Sofort Hilfe bei Gedanken an Suizid

Trauernde haben manchmal den Gedanken, nicht mehr leben zu wollen oder dem Verstorbenen nachfolgen zu wollen. Solche Gedanken sind ein Zeichen großer Not, kein Zeichen von Schwäche. Sprechen Sie mit jemandem darüber, noch heute.

  • TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, kostenfrei und rund um die Uhr, auch per Chat und E-Mail.10
  • Notruf 112 bei akuter Gefahr
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117 außerhalb der Praxiszeiten
  • Notaufnahme der nächsten psychiatrischen Klinik, auch ohne Termin und Überweisung

Wenn Sie sich um einen trauernden Menschen sorgen, fragen Sie ruhig und direkt nach, ob er daran denkt, sich das Leben zu nehmen. Eine solche Frage bringt niemanden erst auf den Gedanken, sondern zeigt, dass Sie die Not ernst nehmen. Hören Sie zu, ohne zu bewerten, und helfen Sie dabei, noch am selben Tag Kontakt zu einer der genannten Stellen aufzunehmen.

Wer einen Menschen durch Suizid verloren hat, findet bei AGUS, dem Verein Angehörige um Suizid, Selbsthilfegruppen und Beratung.11 Der Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, kann gerade bei Schuldgefühlen und unbeantworteten Fragen entlasten.

Fazit

Eine anhaltende Trauerstörung liegt vor, wenn Sehnsucht und Schmerz auch nach mindestens sechs Monaten kaum nachlassen, deutlich über das Übliche hinausgehen und das Leben erheblich einschränken. Sie ist behandelbar, am besten mit einer trauerfokussierten Psychotherapie. Wenn Sie sich in den Warnzeichen wiederfinden, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder vereinbaren Sie über 116117 eine psychotherapeutische Sprechstunde. Bei Gedanken an Suizid holen Sie sich sofort Hilfe.

Häufig gestellte Fragen

Kann eine Trauerstörung auch erst Jahre nach dem Verlust auftreten?

Ja, das kommt vor. Manche Menschen funktionieren nach dem Tod zunächst, weil sie Kinder versorgen, einen Betrieb führen oder sich um andere kümmern. Die Trauer bricht dann später durch, etwa bei einem weiteren Verlust oder wenn die Belastung nachlässt. Auch dann kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.

Ist anhaltende Trauer dasselbe wie komplizierte Trauer?

Im Wesentlichen ja. „Komplizierte Trauer“ war lange der gebräuchliche Begriff für eine Trauer, die nicht nachlässt und krank macht. Mit der ICD-11 heißt die Diagnose heute „anhaltende Trauerstörung“. Sie ist genauer beschrieben, etwa durch die Mindestdauer von sechs Monaten. Ältere Texte und Ratgeber verwenden die Begriffe oft noch nebeneinander.

Gibt es einen Selbsttest für die anhaltende Trauerstörung?

Es gibt Fragebögen, die Fachleute zur Einschätzung verwenden, und manche davon finden sich auch im Internet. Sie können Ihnen einen Hinweis geben, ersetzen aber keine Diagnose. Die Grenze zwischen tiefer, normaler Trauer und einer Störung lässt sich nur im Gespräch mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin sicher beurteilen.

Ist eine anhaltende Trauerstörung heilbar?

Die Aussichten sind gut. Viele Betroffene erleben durch eine trauerfokussierte Therapie eine deutliche Entlastung: Der Schmerz wird erträglicher, der Alltag gelingt wieder, und die Erinnerung an den Verstorbenen kann wieder tröstlich werden. Ziel ist nicht, den Menschen zu vergessen, sondern mit dem Verlust weiterleben zu können.

Können auch Kinder eine anhaltende Trauerstörung entwickeln?

Ja. Kinder und Jugendliche können ebenfalls eine anhaltende Trauerstörung entwickeln, ihre Trauer zeigt sich aber oft anders, etwa in Rückzug, Ängsten, Schulproblemen oder körperlichen Beschwerden. Ansprechpartner sind Kinderärztinnen sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen. Auch spezielle Trauergruppen für Kinder können helfen. Nehmen Sie Veränderungen ernst, die über Monate anhalten.

Bekomme ich wegen einer Trauerstörung eine Krankschreibung?

Das entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Wenn Ihre Beschwerden Sie daran hindern zu arbeiten, ist eine Krankschreibung möglich, egal ob die Ursache eine Trauerstörung, eine Depression oder eine andere Belastungsreaktion ist. Sprechen Sie offen an, was Ihnen im Alltag und bei der Arbeit nicht mehr gelingt.

Quellen

  1. Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, 6B42 Anhaltende Trauerstörung (Prolonged grief disorder)
  2. American Psychiatric Association: Prolonged Grief Disorder (DSM-5-TR)
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-11
  4. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin: Stellungnahme zur Einführung der Diagnose Anhaltende Trauerstörung (2017)
  5. Lundorff u. a.: Prevalence of prolonged grief disorder in adult bereavement – Metaanalyse, Journal of Affective Disorders 2017 (PubMed)
  6. Kersting u. a.: Prevalence of complicated grief in a representative population-based sample, Journal of Affective Disorders 2011 (PubMed)
  7. Djelantik u. a.: Prolonged grief disorder following unnatural losses – Übersichtsarbeit, Journal of Affective Disorders 2020 (PubMed)
  8. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117: Psychotherapie – Termine und Ablauf
  9. Johannsen u. a.: Psychological interventions for grief in adults – Metaanalyse, Journal of Affective Disorders 2019 (PubMed)
  10. TelefonSeelsorge Deutschland
  11. AGUS – Angehörige um Suizid e. V.